Machen wir eine Zeitreise.

Stellt euch vor, dass wir uns mehrere Tausend Jahre vor der ersten Zivilisation an einem schönen Strand befinden. Jetzt wollen wir alles loswerden, was nicht zur Zeit passt, um nicht aufzufallen. Wir legen also unser Smartphone und unseren Schmuck, unsere Tattoos (wie auch immer man das tun soll?) und sämtliche Kleidung ab. Jetzt stehen wir nackt an einem Strand, vermissen unsere Technologie und Dinge, die wir früher nie geschätzt haben. Ich spreche von Verkehrsmitteln, Toiletten, Stühlen und Tischen, Duschen und Badewannen, fließendem Wasser im Allgemeinen, Papier und Stift, Werkzeuge, Kühlschränke und Tiefkühltruhen, Bücher und das Internet, Betten, Straßen, Supermärkte, Farmen, Computer, Zelte, Häuser und Medizin.

Verdammt. Ein Spaziergang am Strand war auch mal schöner.

Ich möchte nicht die falsche Vorstellung erwecken, dass Minimalismus danach strebt uns wieder in diese Situation zurückzubringen. Das wäre Hardcore, sogar für Asketen. Minimalismus möchte uns vielmehr die Möglichkeit bieten die oben genannten Dinge als Luxus zu genießen. Minimalisten erreichen dieses Ziel durch die Reduktion ihrer Besitztümer und die Maximierung ihrer Erfahrungen. Ein waschechter Minimalist mistet also konstant seine Räume aus, verzichtet teilweise sogar auf eine echte Matratze, weil ein japanischer Futon scheinbar reicht oder schläft direkt auf dem Boden. Jedoch unterscheidet sich die Intention des Minimalisten stark von der des Asketen, welcher per Definition den Freuden des Lebens entsagt, weil er keine Erfüllung darin findet. Ein Minimalist entsagt nicht den Freuden der Dinge in seinem Leben, jedoch möchte er seine Besitztümer kritisch hinterfragen, sie auf ihre wahrhaftige Wertigkeit testen. So kommt es, dass auch ein Minimalist etwas kauft, was ihm den Alltag erleichtert oder ihm langwierig Freude bereitet. Jemand der leidenschaftlich Uhren sammelt wie mein Großvater oder Old-Timer restauriert und in der Garage stehen lässt, kann ein Minimalist sein, denn er kauft nichts, um sein Selbstwertgefühl zu steigern, sondern nur, weil es ihn glücklich macht.

Wenn man die Maxime des Minimalismus weiter betrachtet, kommt man irgendwann zu dem Schluss, dass gerade die eigene Zeit der wertvollste Rohstoff unseres Lebens ist, den wir nicht mehr zu schätzen wissen. So leeren kluge Minimalisten nicht nur ihren Kleiderschrank, sondern auch ihre Terminkalender. Interessanterweise bewirkt aber auch das Leeren des Kleiderschranks und ähnlicher Dinge, eine Reduktion von Entscheidungen, die wir täglich treffen. Wenn wir am Tag weniger Entscheidungen treffen haben wir viel mehr Zeit.

Rechnen wir das einmal kurz aus. Nehmen wir an ich hätte 15 unterschiedliche Shirts und 5 unterschiedliche Hosen in meinem Kleiderschrank. Jeden Morgen nach dem Duschen brauche ich vielleicht 2 Minuten, um mir etwas rauszulegen, was ich tragen möchte. Jeden morgen 2 Minuten. 2 • 365 = 730 Minuten = ca. 12 Stunden. Nehmen wir an jeder Tag hätte 6 Produktive Stunden, was in der Zeit von unaufhaltbarer (eigentlich nicht) Smartphone-Unterbrechung lächerlich hoch geschätzt ist (Ich persönlich gehe höchstens von zwei Stunden täglich aus, an der wir tatsächlich etwas Wichtiges [Familie/Freunde/Kochen] tun und vielleicht noch einer weiteren in der wir etwas Produktives [eigene Projekte/Kunst] tun), selbst dann verlieren wir zwei ganze Tage. Stellen sie sich vor, wie radikal diese Rechnung sich auf die massive Zeitverschwendung unserer Zeit anwenden lässt. Deutsche konsumieren täglich im Durchschnitt über 2 Stunden Fernsehprogramme. 2 • 365 = 730 Stunden = 30,4 Tage = Ein Monat. 

Mathematik hat noch nie so wehgetan.

Entscheidungen, Gegenstände und auch negative Menschen sollten aus dem Leben entfernt werden, denn wir wollen Produktiv sein und nicht Beschäftigt.

Minimalismus hat einen Vorteil: es ist eine stetige Gedankenübung mit weniger auszukommen, als man hat. Praktiziert man diese Gedanken lang genug wird man mutiger, weil man die Angst vor dem Scheitern reduziert. In der Stoa nennt sich diese Vorgehensweise Negatives Visualisieren. Damit soll man mehr Dankbarkeit für die Dinge und Menschen empfinden, mit denen man umgeht und weniger Verlust empfinden, wenn sie aus dem Leben verschwinden. Man stellt sich ab und zu einmal kurz vor, wie es wäre diese Gegenstände oder Menschen nicht mehr zu haben und macht anschließend weiter.

Call to Action: Ich möchte den nächsten Monat Minimalismus praktizieren, jeden Tag werde ich eine Sache aus meinem Leben entfernen und anschließend schreiben, wie ich damit umgehen konnte.

Fazit: Löse dich von Dingen, damit du sie besitzt und nicht umgekehrt. Werde Dinge und Termine los, wenn nötig auch Menschen, die dich nur Zeit und Energie kosten (Es sei denn, es sind deine Kinder.. dann mache das bitte nicht). Kaufe Dinge, die einen Wert für dein Leben haben, aber keine, die dich von deinem Leben ablenken.