In den letzten Tagen sind viele Situationen aufgekommen, in denen ich sonst beunruhigt gewesen wäre, weil entweder viel zu tun ist, oder ich mich in unbekannte Gefilde begebe. Trotzdem  bewahre ich Ruhe. Wie habe ich das geschafft?

Beim Autofahren höre ich seit einer Weile ein Hörbuch von einem amerikanischen Stoiker, er versucht darin die Lebensphilosophie von Seneca, Epiktet und Marc Aurel in die moderne Zeit zu übertragen. Dabei geht er lächerlich analytisch auf jede noch so kleine Strategie ein, um das eigene Leben frei von negativen Empfindungen zu machen und das Gute stärker wertschätzen zu können. Jedes mal freue ich mich auf eine längere Fahrt, damit ich mich in diese Welt begeben kann. Mir ist aufgefallen, dass ich in den Situationen, die mich einst belastet hätten, keine Angst oder Unruhe mehr empfinde. Ich war nie sonderlich ängstlich und sehe mich selbst als emotional robust an, zum Teil, weil mir die Außenwelt manchmal ziemlich egal ist. Die Veränderung durch den Stoiker in mir ist jedoch anders, als ein Desinteresse an der Welt. In der stoischen Lebensphilosophie versucht man seine Sorgen und sein Leid durch seinen Verstand aufzulösen. Dabei gibt es verschiedene Methoden:

  • Sich bewusst machen, was man kontrolliert und sich keine Sorgen mehr um die Dinge machen, auf die man keinen Einfluss nehmen kann
  • Das Worst-Case-Szenario visualisieren
    • dadurch ist man vorbereitet und dankbar für alles
  • Armut und Minimalismus üben, sich kurzzeitig unbequem einrichten, auf dem Boden schlafen, Luxus loswerden etc.
    • Damit merkt man, wie wenig man braucht
  • Sich gegen Angst immunisieren, indem man Dinge tut, die dir Angst machen

Diese Methoden habe ich nebenbei angewandt, habe mir nicht viel dabei gedacht und plötzlich merke ich, wie ich nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen bin. Meditation, bei der ich still sitze und meine Gedanken vertreiben soll, liegt mir nicht, negatives Visualisieren ist jedoch eine hervorragende Alternative. Ich sitze zwar still da, aber mein Kopf arbeitet ein wenig, stellt sich das Schlimmste vor, dann öffne ich die Augen und alles ist gut, sogar das Worst-Case-Szenario ist nicht so schlimm, weil ich sowieso auf dem Boden schlafe, ein Shirt und kurze Hosen anhabe, auch wenn es dafür viel zu kalt und verregnet ist.

Die Stoa ist keine Philosophie des Verzichts oder des Leidens, es ist eine Philosophie die weiß, dass es Leid im Leben gibt. Anstatt sich darum zu sorgen, wird dieser Umstand akzeptiert und man arbeitet an der eigenen Immunisierung. Dabei wird man irgendwann immun gegen Kritik, gegen finanzielle und private Krisen, gegen Beleidigungen und Misserfolg, gegen Angst und Reue, gegen Verlustschmerz und Ärger, gegen alles, was unsere Seele verbrennt. Dabei ist die eigene Seelenruhe, die Gelassenheit, das wichtigste Gut der Stoa. So wie die Hedonisten die Lust und die Nihilisten das Nichts an erste Stelle setzen, so setzen die Stoiker die Gelassenheit vor den Erfolg, den Ruhm und das Geld. Sie sehen de facto sogar überhaupt keinen Sinn darin, Reichtum und Ruhm zu erringen, stellen sich sogar vor, all das zu verlieren, wenn sie es aus Versehen erreicht haben, was tatsächlich gar nicht so schwer ist, wenn einen nichts mehr wirklich belastet, bzw. man mit der Last umgehen kann.

Wie wird man immun gegen all die schlimmen Dinge im Leben?

  • Sollte es eine Beleidigung sein, reagiert man mit selbstbewusstem Humor. So sprach mich letztens jemand an, dass er nicht wüsste, ob er meine Arbeit als desorientiert oder böse abtun soll, ich fragte ihn, warum ich nicht desorientiert und böse zugleich sein kann. Der Beleidigende wird davon meist stärker getroffen, als von einem Konter. Alternativ kann man ihn auch komplett ignorieren und ihm damit nicht nur vermitteln, dass uns nicht nur seine Beleidigung nicht interessiert, sondern, dass er auch als Wesen an sich gar nicht zählt.
  • Sollte es Misserfolg sein, reagiert man mit Ruhe, denn den Erfolg kann man nicht wirklich kontrollieren, nur was man für ihn tut. Wenn er erstmal nicht kommt, ist das zwar schade, aber kein Grund aufzuhören. Das Leben zeigt dir einfach nur, dass du entweder anders weitermachen musst oder einfach dranbleiben sollst. So kann ich bei einem Wettbewerb für Literatur mitmachen und mir Mühe geben, aber egal wie viel Mühe ich mir gebe, ich kann nicht bestimmen, ob ich gewinne oder nicht. Somit kann es mir egal sein, was passiert.
  • Sollte es Angst sein, zerschmettere ich sie mit Logik. Das ist sehr einfach. Angst kommt von Angusts, (lat.: enge), wer also seinen Horizont erweitert, seine Perspektive ändert, hat keine Angst mehr.
  • Sollte es Verlustschmerz sein, frage dich ob diese Person wollen würde, dass du leidest: Wenn ja: Höre auf, sie ist es nicht wert. Wenn nein: Höre auf, du bist es nicht wert.

Ich sehe mich also seit neustem als einen Stoiker, weil mich die Ergebnisse diese Übungen so mitgerissen haben, dass ich keine andere Wahl habe.
Ich habe meine Lebensphilosophie gefunden.
Du bist dran.