Heureka Minimalismus

Pünktlich einen Monat nach meinem ersten Blogpost gibt es die Auflösung meines einmonatigen Selbstexperiments. Was passiert, wenn ich jeden Tag eines Monats eine Sache aus meinem Leben entferne? Was bin ich losgeworden?
Fangen wir mit einer Auflistung aller Dinge an.

  1. Zahlreiche Apps auf meinem Handy. Man muss klein anfangen.
  2. Papierkram. Eine Menge davon. Unglaublich, wie fantastisch sich ein leerer Schreibtisch anfühlt.
  3. Kleidungsstücke, die nie getragen werden.
  4. Dekorative Objekte. Dazu gehören einige Geschenke, kleine Pflanzen, ein Zen Garten und unzählige Kleinigkeiten.
  5. Meine Daten. Alle unwichtigen Dateien wanderten in den virtuellen Papierkorb.
  6. Stifte. 90% davon schrieben nicht mehr.
  7. Kabel und Adapter. Ich weiß gar nicht mehr, was die überhaupt gemacht haben.
  8. Musik. Ähnlich wie mit meinem Desktop wurde auch mein Musik Player mit unzähligen ungehörten Playlists überflutet. Jetzt habe ich 3 Playlists für unterschiedliche Stimmungen und belasse es bei dieser Zahl.
  9. Bücherstapel. So viel Platz wird durch Bücher blockiert, die man nie wieder anrührt.
  10. Schmuck.
  11. Verschiedene Wecker auf meinem Handy. Jetzt gibts nur noch zwei Weckzeiten. Eine zum Arbeiten und eine zum trotzdem früh Aufstehen.
  12. Elektronische Geräte.
  13. Zeitverschwendung. Dieser Punkt hängt stark mit meinem Post über den Autopiloten zusammen.

Bin ich jetzt ein Minimalist? Möglicherweise. Ich habe bemerkt, wie mein Minimalismus dazu führt, dass meine Umgebung viel pragmatischer geworden ist. Ich spürte, dass es mir jetzt einfacher fällt einzuschlafen und produktiv zu sein. Mein neustes Video über Harmonie beweist dieses Gefühl.
Ich kann empfehlen zum Minimalisten zu werden. Es ist kurz gesagt das Ende der unnötigen Dinge in unserem Leben. Das steigert unsere Lebensqualität enorm; nicht umsonst ist es ein großer Bestandteil der Stoa.

Heureka.

 

Heureka Stoa

In den letzten Tagen sind viele Situationen aufgekommen, in denen ich sonst beunruhigt gewesen wäre, weil entweder viel zu tun ist, oder ich mich in unbekannte Gefilde begebe. Trotzdem  bewahre ich Ruhe. Wie habe ich das geschafft?

Beim Autofahren höre ich seit einer Weile ein Hörbuch von einem amerikanischen Stoiker, er versucht darin die Lebensphilosophie von Seneca, Epiktet und Marc Aurel in die moderne Zeit zu übertragen. Dabei geht er lächerlich analytisch auf jede noch so kleine Strategie ein, um das eigene Leben frei von negativen Empfindungen zu machen und das Gute stärker wertschätzen zu können. Jedes mal freue ich mich auf eine längere Fahrt, damit ich mich in diese Welt begeben kann. Mir ist aufgefallen, dass ich in den Situationen, die mich einst belastet hätten, keine Angst oder Unruhe mehr empfinde. Ich war nie sonderlich ängstlich und sehe mich selbst als emotional robust an, zum Teil, weil mir die Außenwelt manchmal ziemlich egal ist. Die Veränderung durch den Stoiker in mir ist jedoch anders, als ein Desinteresse an der Welt. In der stoischen Lebensphilosophie versucht man seine Sorgen und sein Leid durch seinen Verstand aufzulösen. Dabei gibt es verschiedene Methoden:

  • Sich bewusst machen, was man kontrolliert und sich keine Sorgen mehr um die Dinge machen, auf die man keinen Einfluss nehmen kann
  • Das Worst-Case-Szenario visualisieren
    • dadurch ist man vorbereitet und dankbar für alles
  • Armut und Minimalismus üben, sich kurzzeitig unbequem einrichten, auf dem Boden schlafen, Luxus loswerden etc.
    • Damit merkt man, wie wenig man braucht
  • Sich gegen Angst immunisieren, indem man Dinge tut, die dir Angst machen

Diese Methoden habe ich nebenbei angewandt, habe mir nicht viel dabei gedacht und plötzlich merke ich, wie ich nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen bin. Meditation, bei der ich still sitze und meine Gedanken vertreiben soll, liegt mir nicht, negatives Visualisieren ist jedoch eine hervorragende Alternative. Ich sitze zwar still da, aber mein Kopf arbeitet ein wenig, stellt sich das Schlimmste vor, dann öffne ich die Augen und alles ist gut, sogar das Worst-Case-Szenario ist nicht so schlimm, weil ich sowieso auf dem Boden schlafe, ein Shirt und kurze Hosen anhabe, auch wenn es dafür viel zu kalt und verregnet ist.

Die Stoa ist keine Philosophie des Verzichts oder des Leidens, es ist eine Philosophie die weiß, dass es Leid im Leben gibt. Anstatt sich darum zu sorgen, wird dieser Umstand akzeptiert und man arbeitet an der eigenen Immunisierung. Dabei wird man irgendwann immun gegen Kritik, gegen finanzielle und private Krisen, gegen Beleidigungen und Misserfolg, gegen Angst und Reue, gegen Verlustschmerz und Ärger, gegen alles, was unsere Seele verbrennt. Dabei ist die eigene Seelenruhe, die Gelassenheit, das wichtigste Gut der Stoa. So wie die Hedonisten die Lust und die Nihilisten das Nichts an erste Stelle setzen, so setzen die Stoiker die Gelassenheit vor den Erfolg, den Ruhm und das Geld. Sie sehen de facto sogar überhaupt keinen Sinn darin, Reichtum und Ruhm zu erringen, stellen sich sogar vor, all das zu verlieren, wenn sie es aus Versehen erreicht haben, was tatsächlich gar nicht so schwer ist, wenn einen nichts mehr wirklich belastet, bzw. man mit der Last umgehen kann.

Wie wird man immun gegen all die schlimmen Dinge im Leben?

  • Sollte es eine Beleidigung sein, reagiert man mit selbstbewusstem Humor. So sprach mich letztens jemand an, dass er nicht wüsste, ob er meine Arbeit als desorientiert oder böse abtun soll, ich fragte ihn, warum ich nicht desorientiert und böse zugleich sein kann. Der Beleidigende wird davon meist stärker getroffen, als von einem Konter. Alternativ kann man ihn auch komplett ignorieren und ihm damit nicht nur vermitteln, dass uns nicht nur seine Beleidigung nicht interessiert, sondern, dass er auch als Wesen an sich gar nicht zählt.
  • Sollte es Misserfolg sein, reagiert man mit Ruhe, denn den Erfolg kann man nicht wirklich kontrollieren, nur was man für ihn tut. Wenn er erstmal nicht kommt, ist das zwar schade, aber kein Grund aufzuhören. Das Leben zeigt dir einfach nur, dass du entweder anders weitermachen musst oder einfach dranbleiben sollst. So kann ich bei einem Wettbewerb für Literatur mitmachen und mir Mühe geben, aber egal wie viel Mühe ich mir gebe, ich kann nicht bestimmen, ob ich gewinne oder nicht. Somit kann es mir egal sein, was passiert.
  • Sollte es Angst sein, zerschmettere ich sie mit Logik. Das ist sehr einfach. Angst kommt von Angusts, (lat.: enge), wer also seinen Horizont erweitert, seine Perspektive ändert, hat keine Angst mehr.
  • Sollte es Verlustschmerz sein, frage dich ob diese Person wollen würde, dass du leidest: Wenn ja: Höre auf, sie ist es nicht wert. Wenn nein: Höre auf, du bist es nicht wert.

Ich sehe mich also seit neustem als einen Stoiker, weil mich die Ergebnisse diese Übungen so mitgerissen haben, dass ich keine andere Wahl habe.
Ich habe meine Lebensphilosophie gefunden.
Du bist dran.

Heureka Utopia

Wörtlich übersetzt bedeutet Heureka, dass man „es“ gefunden hat. Utopia zu übersetzen führt zu „Nicht-Ort“. Wie soll man also etwas gefunden haben, was per Definition nicht existiert? Und warum wird dieser Blog mehr und mehr zu einem Griechisch-Seminar? Also erstens: Lasst mich erstmal ausreden und zweitens: Griechisch ist toll.

Ich bin als Kind von der Idee angetan gewesen, dass man eine Utopie, eine perfekte Welt, durch progressives Vorgehen erreichen kann. Anstatt eine utopische Idee anzustreben, die sich von den utopischen Ideen der anderen unterscheidet und somit zu Konflikten führt, konzentriert man sich auf die Fehler des vorliegenden Systems. Durch stetiges Ausmerzen jener Fehler befindet man sich auf dem Weg zu einer fehlerfreien Gesellschaft, einer Utopie. Als Jugendlicher bemerkte ich, dass sich durch diesen Ausdruck nur das Paradoxon der Utopie (Dass man sich nicht darauf einigen kann, weil Perfektion nicht eindeutig zu definieren ist) nur nach hinten geschoben wird, weil man sich irgendwann damit befassen muss, was noch ein Fehler ist und was nicht. Wenn man nicht mehr über offensichtliche Dinge wie Schmerz oder Leid spricht, führt auch diese Debatte zu Konflikten. Als Erwachsener merkte ich jedoch etwas gänzlich anderes: Eine Gesellschaft ist in sich selbst immer eine Form der Tyrannei, da das Individuum in großer oder bevorzugter Maßen kleiner Manier unterdrückt wird.

Der große Fehler unser chaotischen Zeit ist, dass wir glauben den perfekten Staat finden zu müssen. In Deutschland sind es die Konflikte zwischen AfD und Linke, der CDU und SPD und wie sie alle heißen. In Amerika ist es die Wahl von Trump. In anderen Ländern ist es Widerstand gegen die Herrschenden oder offene Revolution, totales Chaos.

Wie Gandhi einst sagte: „Sei die Veränderung die du in der Welt sein willst.“

Ich selbst will eine friedliche, freiheitliche und gerechte Welt. Bin ich selbst friedlich, freiheitlich und gerecht? Oft. Nicht immer. Oh oh.

Ich bin manchmal egoistisch, kreise um mein eigenes Zentrum und denke nicht so sehr an das Wohl der anderen. Aber nicht nur bin ich unvollkommen in meiner Interaktion mit anderen, auch habe ich eine düstere Seite in mir, den Abgrund wie Nietzsche es beschrieben hat:
Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Es ist eine gute Frage was ein guter Mensch, ein guter Mann sein und tun soll. Ich glaube, es liegt in der Natur des Menschen, dass wir zu düsteren Taten fähig sind. Meines Erachtens ist jedoch die Fähigkeit dieses Potential zu überwinden und sich bewusst dagegen zu entscheiden die Quelle von Moral. Anders gesagt: Ein Hase ist unfähig Leid anzurichten, so wird ein Hase nicht als moralisch angesehen, denn er ist harmlos. Nur ein Bär oder Löwe, der jemanden verschont kann eine Moral zugesprochen werden, denn er hätte genug Macht, um alles andere als harmlos zu sein.

In der heutigen Zeit beobachte ich viel Ziellosigkeit in den Menschen und eine Leere, wo einst Maxime, Werte und Prinzipien waren. Es mag daran liegen, dass wir uns keine Last aufbürden wollen, in einer Zeit, in der es nicht zu den Lebensumständen gehört dies zu tun. Wir können überleben ohne Stärke, ohne den Held in uns zum Vorschein zu bringen. Ein Bauer der durch harte Arbeit seine Familie ernährt und jedes Familienmitglied, was ihn unterstützt, damit man nicht verhungert, wird stark. Dadurch wird der Wert der Familie und des Pflichtbewusstseins selbstverständlich aufgebaut. Dann plötzlich fällt diese Arbeit den Maschinen zu und die Industrialisierung nimmt ihren Lauf. Unvermeidlich hebt sich unser Lebensstandard. Wir können von rein mentaler Arbeit leben und sogar zu einem gewissen Grad andere versorgen. Durch die geringere Arbeit, die harmloseren Verhältnisse wird das Maß an Verantwortung in unserem Leben drastisch reduziert und wir fühlen eine Leere.

Volker Pispers sagte einmal: „Wenn man ein Feindbild hat, dann hat der Tag Struktur.“ In gewisser Weise war das Feindbild damals der Hunger, der Winter, die eigene Schwäche, Krankheiten, Alter und schlecht erzogene Kinder, die einen nicht unterstützen. Durch die Abschwächung dieser Dinge durch Massenproduktion (die ich nicht gutheißen mag, aber verstehen kann), Medikamente, geringerer physischer Belastung und einem Schulsystem, was viel zu oft mit einem Ersatz für Erziehung verwechselt wird, verschwinden diese Feindbilder nach und nach. Was ist also der neue Feind? Ich suche nicht nach Terroristen, Russen, Amerikanern, Rechten oder Linken, kurzum: Ich suche nicht nach einem menschlichen Feind. Das ist dumm, nichts kann dümmer sein als den Feind im Bruder zu sehen. Damit ein Mann wachsen kann, braucht er jedoch ein Prinzip, gegen das er kämpft, an dem er wächst, scheitert, wächst, scheitert und so weiter.

In einer Gesellschaft, die sich von den harschen Lebensbedingungen der Natur freigekämpft hat (weitgehend, zumindest in reichen Ländern) treten jedoch neue Feinde auf. Korruption, Lügen, Manipulation, falsche Propheten, Zerstörung des Planeten, unmoralische Handlungen durch Missbrauch der Macht und weit entfernter Krieg. Es ist nicht so, als würde diese Dinge nur existieren, seitdem wir uns von der Natur „getrennt“ haben (auch wenn ich nicht weiß, inwiefern das überhaupt möglich sein soll?), diese Probleme existierten schon immer. Nur haben wir nun die Zeit dagegen vorzugehen, weil das Gewicht der alleinigen Existenz durch Nahrung im Überfluss und Soziale Strukturen drastisch reduziert worden ist.

Mein Ziel ist also das Bekämpfen des Drachens in mir, das Vertiefen und Erweitern meiner Werte. Denn wie kann ich gegen das Böse in der Welt kämpfen, wenn ein Teil meiner Selbst verseucht ist von Gier und Egoismus. Wie kann ich ernsthaft von Persönlichkeitsentwicklung sprechen, wenn da noch Teile sind, die man nicht entwicklen darf?
Nun, durch den alleinigen Umstand, dass ich mich gegen das Chaos in mir selbst stelle, durch ein neues Feindbild, das ich in meinen Schwächen sehe, werde ich zu einem rechtschaffenen Mann. Einem moralischen Mann, der sich nicht fürchtet zuzugeben, dass in ihm ein Monster steckt.

Die Utopie finden wir nicht in einer Utopischen Gesellschaft, sondern in uns selbst.

Wir selbst wissen, wie wir sein müssen, um gut zu sein.

Wenn jeder gut ist, seine Drachen bekämpft, zu seinem eigenen Held wird,

dann haben wir eine Utopie.

Heureka.